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Ludwig Laher | Foto: 2017 Karl Traintinger, Dorfbild.com

Ludwig Laher: Wo nur die Wiege stand

Ludwig Laher: Wo nur die Wiege stand

Autor: Ludwig Laher
Titel: Wo nur die Wiege stand – Über die Anziehungskraft früh verlassener Geburtsorte
ISBN: 978-3-7013-1265-8
Verlag: Otto Müller Verlag Salzburg
Erschienen: 2019

Klappentext:

Was verbindet Benedikt XVI. und Hitler, Einstein und Musil, Luther und Brecht, jean Paul und Dollfuß, Rosa Luxemburg und Paul Klee?

Sie alle verzogen mit der Familie innerhalb der ersten Jahre nach ihrer Geburt. Wie geht man am Windel- und Wiegenort um damit? Was hat es mit seiner vielbeschworenen, aber kaum je erläuterten Aura auf sich? Und was bedeutet den nachmals Berühmten und Berüchtigten ihr erstes Zuhause?

Ludwig Lahers ebenso nachdenklicher wie unterhaltsamer Essay schaut sich um, geht diesen und anderen Fragen auf den Grund, fördert Erstaunliches, ja Unglaubliches zutage.

Anna Lemberger

Rezension von Anni Lemberger

15 km liegen zwischen Braunau in Österreich und Marktl in Bayern. Beides sind die Geburtsstätten von Prominenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Zwei Tage nachdem der weiße Rauch in Rom signalisierte,
dass ein neuer Papst gewählt wurde, war Marktl als Geburtsort von
Josef Ratzinger, der als der 16. Benedikt gewählt wurde, bereit mit
ihrem großen Sohn Werbung zu machen. Es gab Papstbier und dazu eine
Benediktschnitte, in Erinnerung an ihren berühmten Sohn, der noch
vor dem 2. Lebensjahr mit seinen Eltern wegzog.

Ganz anders Braunau. Dort wird alles unternommen, um die Erinnerung an Hitler zu vergessen. Nichts, aber auch gar nichts sollte daran erinnern, dass das unschuldige Kind Adolf dort die Windeln vollgemacht, und mit 3 Jahren mit seinen Eltern Braunau verließ. Als Diktator glorifizierte er, ganz im Sinne der Naziideologie, seinen Geburtsort als Grenzstadt zu Deutschland. Er sah die Grenzstadt Braunau als Verbindungsglied zwischen den zwei großen wiedervereinten Reichen.

Eine interessant, spannend und teilweise auch witzig geschriebenes Büchlein. Lediglich der philosophische Erklärungsansatz, was die Aura der „Windelorte“ ausmache, war schwieriger zu verstehen und machte ein mehrmaliges Lesen notwendig. Trotz allem lesenswert.


Ludwig Laher | Foto: 2017 Karl Traintinger, Dorfbild.com

Ludwig Laher: Überführungsstücke

ueberfuehrungsstuecke_ludwiglaherAutor: Ludwig Laher
Titel: Überführungsstücke
ISBN: 978-3-8353-1876-2
Verlag: Wallstein Verlag

Klappentext:
Endlich kann Oskar Brunngraber, seit 25 Jahren Justizverwaltungsinspektor in einer Asservatenkammer, jemanden erzählen von den geheimnisvollen Überführungsstücken, die in seinem Refugium lagern: von den Waffen und Drogen und Mordwerkzeugen und den kriminellen Hintergründen, die sich hinter ihnen verbergen und die auch Brunngraber meist nur ansatzweise kennt.

Immerhin kann er Ihnen aber Geschichten erfinden, wenn seine Phantasie ihn dazu treibt. Und wie schwer es ihm manchmal fällt, diese Beweisstücke nach den gesprochenen Urteilen zu vernichten! – wenn man allein an den Marktwert draußen denkt, der BTM etwa, der Betäubungsmittel, die den größten Platz in der Kammer einnehmen und Gerüche verbreiten, die man aus den Kleidern nicht mehr herausbekommt. Die Überführungsstücke aus dem Hochsicherheitstrakt sind nicht zuletzt Anlässe, die Welt zu deuten. Hier erzählt jemand der sich auskennt und der seine Arbeit mit Begeisterung tut.

Brunngraber sprudelt fast über vor Erfindungsreichtun und Sprachlust: und ganz und gar nicht ist sein Leben reduziert auf das, was er in seinem Beruf täglich zu leisten hat, in den er ohnehin eher zufällig hineingerutscht ist. Auf den Kleinkunstbrettern, die die Welt bedeuten, kennt man seinen Namen jedenfalls und in der Leipziger „Pfeffermühle“ gilt er gar als „Mimikmonster“.

Rezension von Rebecca Schönleitner
Oskar Brunngraber erinnert in seinem Monolog über das Leben an sich und im Besonderen an „Herrn Karl“, Helmut Qualtingers Meisterstück. Oskar sinniert über sein Leben, das seiner Eltern, Geschwister und die ewig präsente Großmutter, die allesbeherrschend anderen keinen Raum lässt.

Wäre sein Leben anders verlaufen, wenn seine Eltern es geschafft hätten sich aus der Omnipräsenz der mütterlichen Großmutter zu befreien? Hätte er seinen Traum als Künstler bestehen zu können verwirklichen dürfen? Wäre sein Vater nicht in den übermäßigen Alkoholkonsum abgerutscht, wenn er sich auf die Füße gestellt hätte?
Keiner weiß es…..


Autorenlesung mit Ludwig Laher: „Bitter“
21. 3. 2014 KultOs
in Ostermiething, 20:00 Uhr

Laher_2012_qDer im Innviertel beheimatete und international erfolgreiche Schriftsteller Ludwig Laher thematisiert in seinem neu erschienen Roman „Bitter“ das Wirken des Innviertler NS-Täters Friedrich Bitter, der – wie sein reales Vorbild – gewandt auftritt, ein einnehmendes Wesen zeigt und zugleich ehrgeizig und skrupellos ist.

Er schafft es nach „oben“ und wird Gestapo-Chef von Wiener Neustadt, Charkov und Verona. Es geht um weit mehr als das individuelle Portrait eines Täters. Lahers Roman zeichnet die Strukturen nach, die Lebensläufe wie diese erst ermöglichen.

Zitat von Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten vom 7. 2. 2014:
„Er steht nicht für sich allein, er vertritt den Typus des Anpassers, der sich durch die Zeiten mogelt, der Opportunist aus Eigennutz, der Täter ohne schlechtes Gewissen, der keine Schuld verspürt, weil er immer nur funktioniert hat…
So einer wie Bitter kommt nach dem Krieg heil davon, wird nie belangt. So ist das auch ein Buch über den Umgang der Österreicher mit ihrer jüngsten Vergangenheit, als Mörder unangefochten ihren Platz inmitten der Gesellschaft einnehmen durften.“

Autorenlesung mit Ludwig Laher am 21. März 2014
KultOs in Ostermiething, 20:00 Uhr

VA: Kath. Bildungswerk Ostermiething


Österreich liest: Ludwig Laher in Lamprechtshausen, Walter Müller in Oberndorf/ Salzach

Krimiabend mit Walter Müller
Donnerstag, 18. Oktober 2012, 20:00, Oberndorf

Walter Müller liest aus seinem neuen Buch: Aus. Amen!

Musikalisch begleitet uns die Fam. Steinkogler durch den Abend.

Veranstaltungsadresse: Kulturhaus – Main Bar-Location, Oberndorf
Veranstalter: Öffentliche Bibliothek Oberndorf

Lesung mit Ludwig Laher
Freitag, 19. Oktober 2012, 19:30, Lamprechtshausen

Ludwig Laher stellt seinen neuen Erzählband “Kein Schluß geht nicht” vor. Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung von Florian Kendlbacher auf dem Klavier.

Veranstaltungsadresse: Dir. Lindner-Weg 3, 5112 Lamprechtshausen
Veranstalter: Bibliothek Lamprechtshausen


Ludwig Laher

Ludwig Laher – Verfahren

„Das Reich der Justiz ist fremdes Land“ steht im neuen Roman „Verfahren“ von Ludwig Laher zu lesen.

Er beschreibt darin das Leben einer kosovo-serbischen Asylwerberin und deren Erfahrungen mit der österreichischen Justiz im Zusammenhang mit ihrem Asylverfahren.

Rezension von Manfred Fischer

“Verfahren ist der dritte Roman zu meiner motivischen Trilogie über Menschen, die sich schwer tun, ihre Füße auf den Boden zu bekommen. Mit der Arbeit an der Trilogie habe ich vor etwa sechs Jahren begonnen. In allen drei Geschichten stehen Frauen im Mittelpunkt, weil ich glaube, dass diese es manchmal besonders schwer haben”, sagt Autor Ludwig Laher zu seinem neuen Buch.

Buchtitel: Verfahren
Autor: Laher, Ludwig
Verlag: Haymon Verlag,
Erschienen: 2011
Umfang: 180 Seiten
ISBN: 978-3852186801

“Es gab keinen konkreten Anlassfall, mich mit Asylfällen zu beschäftigen. Es war vielmehr meine Neugierde zu erkunden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Mit genauer Recherche machte ich mich kundig, was Asylverfahren betrifft. Ich sprach mit Asylwerbern, Richtern und juristischen Mitarbeitern, um zu erfahren, wie die Verfahren ablaufen. Mir wurde dabei schnell klar, dass jene, die wirklich in Not sind, eigentlich wenig Aufmerksamkeit bekommen”, erklärt der Autor weiter.

Traumatisiert durch unvorstellbare Gewalt

Im Mittelpunkt von „Verfahren“ steht Jelena, eine junge Kosovo-Serbin. Sie und ihre Familie wurden im Kosovo Opfer unvorstellbarer Gewalt. Nach der Ermordung von Familienmitgliedern und einer Vergewaltigung ist Jelena schwer traumatisiert. Sie begeht zwei Selbstmordversuche. Um all dies hinter sich zu lassen, begibt sie sich nach Österreich. Hier hofft sie auf politisches Asyl.

Ludwig Laher beschäftigte sich eingehend mit etwa 20 Asylverfahren, um den Fall Jelenas akribisch nachzuzeichnen. Für die junge Asylsuchende erweist sich das österreichische Asylverfahren als ein Feld mit vielen Fußangeln und Minen, auf die man treten kann. Sie weist beispielsweise bei ihren ersten Einvernahmen aus Scham nicht auf ihre schweren psychischen Probleme und Selbstmordversuche als Folge ihrer Vergewaltigung hin. Als sie dies später tut, hat dies keine Relevanz mehr für das Asylverfahren. Ihr Recht auf Asyl wird ihr daher verwehrt.

Ihr „Gegenüber“ im Asylverfahren bildet der Richter am Asylgerichtshof. Ihn skizziert Ludwig Laher als eine Person, eingezwängt zwischen dem politischen Druck möglichst viele Asylfälle abzulehnen, dem herrschenden Personalmangel und der ihm gegenüber stehenden Asylwerberin. Er ist ein Synonym für die Justiz und „… ist die ´Zusammenfassung´ mehrerer Menschen aus dem Justizbereich mit denen ich bei der Recherche zum Buch gesprochen habe. Es ging mir nicht darum, die Justiz zu denunzieren, sondern deren Entscheidungsfindung darzustellen”, erklärte Ludwig Laher dazu.

Dem Autor gelingt es, mit seinem Roman ein erschreckendes Bild der Asylverfahren in Österreich zu vermitteln. Im Zusammenhang damit von AsylRECHT zu sprechen, fällt schwer. Unsentimental wird in „Verfahren“ der Fall einer schwer traumatisierten asylsuchenden jungen Frau geschildert, die nicht zu ihrem Recht kommt.

Einen Hoffnungsschimmer eröffnet der Roman gegen Schluss, als Jelena eine junge Österreicherin kennen lernt. Durch die Freundschaft zu dieser keimt die Hoffnung, nun möglicherweise in Österreich doch anzukommen – irgendwann.

Ludwig Laher lebt seit 1993 in St. Pantaleon. Ein Motiv, seinen Wohnsitz von Salzburg nach St. Pantaleon zu verlegen, war die offene, schöne Landschaft. In seinen Werken befasste er sich auch mit lokalen Themen, wie dem Roma- und Sintilager während der NS-Zeit in St. Pantaleon. Er schrieb dazu das Buch „Herzfleischentartung“ und war Gründungsmitglied des Vereins „Erinnerungsstätte Lager Weyer/Innviertel“.

Annelore Achatz

Rezension Annelore Achatz

Diesmal hat mir Ludwig Laher wirklich eine „Aufgabe“ gestellt mit seinem Roman. Ich bin ja ein Fan seiner Arbeiten und bis jetzt hatte ich keine Schwierigkeiten seine Romane zu „verschlingen“.
Nun, dies war bei Verfahren net ganz so einfach….
Diese Geschichte wird aus verschiedene Sichtweisen erzählt: aus der eines Richters am Asylgerichthof, mit Amtssprache wohlgemerkt; dann aus der Sicht der Asylwerberin und schließlich kommt noch die Geschichte eines Juden hinzu, wo man erst am Ende erfährt, wie Dieser mit Jelena „zusammenhängt“.
Gut, finde ich, dass Laher diesmal am Ende die Kapitel noch einmal aufgeführt hat, denn mit einmal lesen ist die Geschichte nicht getan. Dafür ist das Thema zu komplex und als Leser wird man tief berührt!
Jedenfalls ist es keine Geschichte, die man so zwischendurch lesen kann, oder gar als „Strandlektüre“.
Verfahren sollten vor allem Jene lesen, die sich von den diversen Hetz- Propaganda- Wahlplakaten der Rechten Parteien angezogen fühlen, vielleicht würde es helfen Deren Weltbild etwas zu erweitern.
Es lohnt sich in jedem Fall Lahers Verfahren zu „studieren“, denn die Augen öffnet es einem sicher!

Ludwig Laher in der Dorfzeitung >


Dorfzeitung


Ludwig Laher | Foto: 2017 Karl Traintinger, Dorfbild.com

Ludwig Laher: Und nehmen was kommt

Buchtitel: Und nehmen was kommt
Autor:
Ludwig Laher
Verlag:
Haymon
Erschienen:
2007

Klapptext:

Ohne falsche Sentimentalität und hart an der Wirklichkeit erzählt Ludwig Laher von einer jungen Frau aus einer ostslowakischen Roma Familie: Monika weiß von Kindheit an, dass sie völlig auf sich allein gestellt sein wird.

Mit Selbstbestimmtheit hat dies freilich nichts zu tun- ihrer an sich starken Persönlichkeit fehlen Bildung und der Rückhalt, sich in der Welt zurechtfinden zu können. Kampf, Flucht und Angst bestimmen ihre Entwicklung. Ausgenützt, hintergangen und gedemütigt scheint ihr Leben auf dem Strich und in Clubs an der Grenze Tschechiens zu Deutschland und Österreich vorgezeichnet.

Aus Zuneigung und der Herausforderung wegen bietet ein Kunde dieser kaputten, extrem misstrauischen Frau eine neue Perspektive. Dabei zeigt sich einerseits, welche Selbstdisziplin sie aufzubringen imstande ist, um diese Chance zu nutzen, andererseits aber auch, dass nichts wiedergutzumachen ist, wenn eine Kindheit und Jugend so verlaufen ist, wie ihre.

Ludwig Laher konzentriert sich in seinem Roman auf die Entwicklung dieser Frau, die er ebenso präzise wie beklemmend erzählt. Dennoch ist das Buch gleichzeitig ein messerscharfer Befund über gesellschaftliche Zustände mitten in Europa, jenseits moralischer Anklage, aber auch jenseits der öden Beschwörungsformel, es gälte vor allem, die Eigenverantwortung des Individuums zu stärken, während gleichzeitig unter immer mehr Menschen der Boden weg bricht.

Annelore Achatz

Rezension von Annelore Achatz

Und nehmen was kommt hat mich von der ersten Seite weg gefesselt und auch nicht mehr losgelassen. Lahers Stärke liegt sicherlich in der absoluten Objektivität, als Leser bleibt nichts anderes übrig wie total „mit zu leben“ bzw. –„zu leiden“, vieles ändern zu wollen und ohnmächtig zu „sehen“ zu müssen, wenn wieder falsche Entscheidungen getroffen werden oder die Ungerechtigkeit siegt.

Und nehmen was kommt sollten viele, viele lesen, möglichst vor allen die „einschlägigen“ Männer. Doch das bleibt wohl mein Wunschgedanke. Auch an den höheren Schulen wäre Und nehmen was kommt sicher nicht verkehrt…


Dorfzeitung


Ludwig Laher

Ludwig Laher: Ohne Anbiederung miteinander zu tun haben. Über das Schriftsteller-Sein auf dem Land.

Vortrag von Ludwig Laher zum 1. Georg Rendl Symposion “Land-Schriftsteller” Schriftsteller und Landbevölkerung St. Georgen bei Salzburg, Sigl.Haus, 3.- 5. Oktober 2003

„Schon längst hatten mich die Schützen – der älteste Verein im Dorf, dessen Präsident noch dazu unser hausmeisterlicher Totengräber war – geplagt, ich solle ihnen eine neue Fahne stiften. Denn die alte, hundertjährige, so ehrwürdig sie war, ging schon langsam in Fetzen. Man stellte mir die begehrenswertesten Vorteile in Aussicht, falls ich die Anschaffung einer neuen Fahne ermöglichte, so zum Beispiel, daß über meinem Grab drei Ehrensalven geschossen würden. Aber ich kannte die Bauern und wußte, daß man ihnen nicht zu rasch nachgeben darf, besonders in materiellen Dingen, will man nicht ihren Respekt verlieren und als Trottel oder Verschwender gelten. Jetzt aber, als eine Art von Opfergabe für sieben glückliche Jahre in diesem Ort, entschloß ich mich, ja zu sagen. Der Jubel war unbeschreiblich.“

Diese bezeichnenden Zeilen finden sich in Carl Zuckmayers Erinnerungsbuch „Als wär’s ein Stück von mir“, und wenn man zwischen ihnen zu lesen vermag, verraten sie eine ganze Menge über das komplexe Sozialgefüge auf dem Land, konkret im Henndorf der frühen 30er Jahre, und das noch komplexere Verhältnis zwischen dem zugezogenen Schriftsteller und den Alteingesessenen.

Den Schriftsteller, die Schriftstellerin auf dem Land gibt es freilich genauso wenig, wie es das Land an sich gibt. Schon die kategorische Unterscheidung zwischen Einheimischen und Zugezogenen, die auf dem Land bis heute eine absurd große Rolle spielt, teilt auch die dort lebenden AutorInnen in zwei Gruppen. Dabei ist noch gar nicht gesagt, daß der von Geburt an heimische Schriftsteller immer die besseren Karten gezogen hat.

Auf dem Land spielen in erster Linie schreibende Menschen eine besondere Rolle, die nur eingeweihten Kreisen in einem relativ engen Umkreis bekannt sind, dort jedoch als die wahren Dichter gefeiert werden. Sie bedienen sich zumeist der jeweiligen Umgangssprache, seltener schon des ursprünglichen Dialekts, umrahmen mit gereimten Strophen gekonnt Volksmusikabende, in deren Einladungen es heißt, Launiges und Nachdenkliches werde geboten. Schon der Zusatz Kritisches kann dem Betreffenden zum Verhängnis werden, und manche Heimatdichter, die in Lebenspraxis und Werk auffällig werden, setzen sich zwischen alle Stühle, denn ihr ernsthaftes Bemühen wird weder auf dem Land noch durch den Literaturbetrieb gewürdigt.

Ich will in erster Linie über mich, mein Verhältnis zu St. Pantaleon und vice versa nachdenken, folglich konzentriere ich mich auch im allgemeinen Teil dieser Überlegungen auf jenen Typus des Schriftstellers, der aus welchen Gründen immer aus der Stadt aufs Land zieht und dort damit leben muß, daß er den Intellektuellen zugerechnet wird.

Wir wären also wieder bei Zuckmayer. Denn ich will die scheinbar beiläufig erzählte Geschichte von der Schützenfahne genau durchgehen, es lohnt sich allemal:

„Schon längst hatten mich die Schützen – der älteste Verein im Dorf, dessen Präsident noch dazu unser hausmeisterlicher Totengräber war – geplagt, ich solle ihnen eine neue Fahne stiften. Denn die alte, hundertjährige, so ehrwürdig sie war, ging schon langsam in Fetzen.“ Wir erfahren zunächst, wenig überraschend, daß ein Dorf sich wesentlich über seine Vereine definiert, Zuckmayer nennt neben den Schützen an dieser Stelle noch die Feuerwehr und die Heimkehrer, „die sich jedes Jahr am Tage des ehemaligen Kriegsausbruchs sternhagelvoll tranken – denn, so folgerten sie, wäre der Krieg damals nicht ausgebrochen, so hätten sie ihn auch nicht überleben können.“ Zuckmayer signalisiert dem Leser deutlich, daß er von einer Welt redet, die beim besten Willen nicht die seine ist. Daran können alle Liebeserklärungen an Henndorf und einzelne Bewohner, der in vielen Textpassagen geäußerte Respekt vor noch den einfachsten Menschen, die Zuckmayer als außergewöhnliche Persönlichkeiten würdigt, nichts ändern.

Dem Heimkehrerverein begegnet er mit liebenswürdigem Spott, der für ihn offenbar einzigen Möglichkeit, das Unbegreifliche des rituellen Verhaltens seiner Mitglieder zu kommentieren. Das Anliegen der Schützen empfindet er als Plage, auch ihre Wertewelt ist nicht von der seinen: „Man stellte mir die begehrenswertesten Vorteile in Aussicht, falls ich die Anschaffung einer neuen Fahne ermöglichte, so zum Beispiel, daß über meinem Grab drei Ehrensalven geschossen würden.“

Spannend wird es vor allem in den nächsten Sätzen, in denen Carl Zuckmayer gleichsam im Stil der frühen Chronisten kolonialer Landnahmen auf fernen Kontinenten erläutert: „Aber ich kannte die Bauern und wußte, daß man ihnen nicht zu rasch nachgeben darf, besonders in materiellen Dingen, will man nicht ihren Respekt verlieren und als Trottel oder Verschwender gelten.“

Wir kennen alle den alten Witz, wonach der Fremde auf dem orientalischen Basar sich nach dem Preis einer Ware erkundigt und bereitwillig in die Tasche greift, den genannten Betrag zu begleichen. Der Händler jedoch fährt ihn an, er möge gefälligst feilschen, soviel sei das begehrte Ding nämlich nie wert.

Damit ich nicht mißverstanden werde: Ich unterstelle Zuckmayer nichts Ehrenrühriges, im Gegensatz zu den spanischen Conquistadores ist das Ziel seiner ethnologischen Feldforschungen nicht Betrug, Ausbeutung, Unterwerfung. Es sind vielmehr die Eingeborenen selbst, die etwas von ihm wollen. Wiederum beschreibt er Rituale, wie ja auch das Feilschen eines ist, deren stillschweigende Befolgung darüber entscheidet, wo in der dörflichen Hackordnung der zugezogene Kopfmensch eingeordnet wird. Doch rührt mich sein Stil trotz dieses Wissens unangenehm an, vermittelt er doch ungebrochen das Überlegenheitsgefühl, man kann auch sagen die Arroganz dessen, der sich zubilligt, das von ihm beschriebene Biotop von außen, quasi objektiv einschätzen zu können, während die Beschriebenen, ganz gleich, ob sie ihrerseits den Kommentator zum Trottel ernennen oder nicht, nie über den Schweinsbratentellerrand blicken werden können und auf ewig im eigenen Saft schmoren müssen.

Viele der Vorurteile und Urteile gegenüber auf dem Land lebenden Künstlern und Intellektuellen, wie sie im Dorf typisch sind, speisen sich, getraue ich mich zu vermuten, aus dem Empfinden, deren Arbeit und Lebenspraxis rühre unablässig an den oft nicht hinterfragten Grundfesten überkommener Tradition, an Hierarchien und Vereinsritualen, und zwar selbst, wenn sie sich wie der Fahnenvater Zuckmayer dreinschicken.

Nun kann man mir entgegenhalten, inzwischen seien doch siebzig Jahre ins Land gezogen, wenngleich Carl Zuckmayer erst vor weniger als vierzig darüber geschrieben hat. Demgegenüber stelle ich die These in den Raum: An dem zugrundeliegenden Problem hat sich nur verhältnismäßig wenig verändert.

Ganz gleich, ob man sich – wie Zuckmayer zu Zeiten – unters Volk mischt, den Stammtisch mitbevölkert, alle Begräbnisse abdient, oder eher freundliche Distanz zum dörflichen Leben hält: Dessen beharrendes Element, die Wagenburgmentalität vieler Alteingesessener, gespeist häufig aus angstkompensierender Sturheit, die phantasiereiche Gerüchtebörse in Wirtshäusern und auf dem Kirchplatz, all dies und mehr wirft die Frage auf, wie man als Schriftsteller, abgesehen von den hier wie überall gewonnenen Freunden, die Menschen auf dem Land hinreichend stimmig zur Sprache bringt, welche ja nichts anderes sein kann als die Übersetzung der eigenen Erfahrungen und Bilder.

„Das Land“ ist nun einmal unter anderem ein weites Feld mit tiefen Abgründen. Wir wissen, um im salzburgisch-oberösterreichischen Raum zu bleiben, von Franz Innerhofer aus Krimml oder von O.P. Zier aus Lend, von Franz Rieger aus Riedau oder von Franz Kain aus Posern bei Bad Goisern, um nur wenige Namen zu nennen, wie rigide dörfliche Strukturen jenen im wahrsten Sinne des Wortes zuleibe rücken können, deren Sensibilität zu ausgeprägt ist, um sich unwidersprochen einzugliedern, zu fügen. Heute, wo etwa das Spannungsfeld bäuerliche Herrschaft – Gesinde weggefallen ist, wo dem Diktat der Elterngeneration relativ leicht durch Landflucht begegnet werden kann, wo die Macht der katholischen Kirche über ihre Schäfchen selbst im Dorf längst bröckelt, sind viele Ursachen weggefallen, die einst für Disziplinierung ohne Wenn und Aber sorgten. Wenn man jedoch einen genaueren Blick wagt, so zeigt sich schnell, daß es beispielsweise immer noch schlecht möglich ist, sich als eingesessener Dörfler abseits der eingesessenen Parteien in Bürgerlisten oder Umweltverbänden, in „(Nichtvolks)Kulturinitiativen“ oder meinetwegen in fernöstlichen Spiritualitätszusammenhängen zu engagieren.

So getrauen sich nach eigenem Bekunden – und damit schlage ich endgültig die Brücke zu St. Pantaleon und mir – manche Ortsbewohner, denen es ein Anliegen wäre, ganz einfach nicht, an der Jahresgedenkfeier für die beiden NS-Lager am Ort teilzunehmen, weil sie damit in den sozialen Zusammenhängen, über die sie sich definieren, unten durch wären.

In gewissen gesamtgesellschaftlichen Kontexten potenziert sich zudem die dörfliche Kontrollfunktion, muß sich zwangsläufig auch das Überlebensinstrument Verdrängung perfektionieren. Als jene Frauen aus St. Pantaleon mit mir von sich aus nach bald sechzig Jahren über die Ereignisse von damals zu reden begannen, weil sie mir, dem Schriftsteller, wie sie meinten, Geschichten zu erzählen hätten, „da könntest du Bücher drüber schreiben“, war das nicht nur ein dezenter, womöglich unbewußter Hinweis, das auch tatsächlich so zu halten, sondern auch ein Befreiungsschlag aus den obsolet gewordenen Umgarnungen dörflichen Eingebettetseins: Die Männer sind tot, kameradschaftsbundliche Normerfüllung damit hinfällig, die Kinder sind weggezogen, lange, einsame Tage bringen die Bilder zurück, die nie versprachlicht werden durften, weil sie das gesamte Gefüge von kollektiver Ohnmacht im Angesicht extremster Barbarei bis zu schuldhafter Verstrickung einzelner aus Profitinteresse, aus Lust an Gewalt und am Totquälen, oder was da sonst noch an Motiven in Frage kommt, an die Oberfläche geschwemmt hätten. Wären diese Bilder bald nach dem Krieg Sprache geworden, wären sie wohl zur Sollbruchstelle von Ehen geworden, der Rückkehr der alten Nazis an die Schalthebel der Macht im Wege gestanden, dem blinden Aufbruch zum Wiederaufbau, dem mehrheitlichen Konsens der Niederlage statt der Befreiung, dem Bedürfnis nach Schwamm drüber.

Aber sie blieben, diese Bilder, diese Geräusche, diese Empfindungen, die zwischengelagerten Toten in der Gerümpelkammer unter der Kirche, die gespenstischen Gesänge der ausgemergelten Zwangsarbeiter in ihren viel zu leichten Kleidern beim frühmorgendlichen Marsch an die Baustelle, die brutalen Schläge des Vaters, der erfahren hat, daß die Tochter auf dem Schulweg internierten Kindern Mostäpfel über den Lagerzaun geworfen hat.

Die Frauen jenseits der siebzig haben nach sechzig Jahren endlich doch geredet, und ein schöneres Beispiel für die Not-Wendigkeit unserer marginalisierten Zunft kann ich mir kaum vorstellen. Mein offenes Ohr und das Gespür der alten Damen, es würde noch eine, eine letzte Chance bestehen, das subjektiv Erlebte einigermaßen zu objektivieren, schwarz auf weiß in einem Buch festzuhalten, geschehen zu machen statt ungeschehen, hatten gereicht, die Zungen zu lösen.

Aber da stand ich nun, mußte mich entscheiden, ob ich mich auf diesen kleinen Ort, in dem ich nun seit einigen Jahren gern lebte, kompromißlos einlassen sollte, auf seine jüngere Vergangenheit, deren zeitlichen Rahmen ich, das war mir von vornherein klar, gegen den Usus der Geschichtsbücher definieren mußte: Von 1940, als das erste Lager provisorisch für einige Wochen im ehemaligen Gasthof Göschl in Moosach, Gemeinde St.Georgen an der Salzach, eröffnet wurde, wo prompt auch gleich das erste Opfer seinen Folterverletzungen erlag, bis zu meiner Geburt 1955.

Abgesehen von kleinen Aufsätzen zweier Zeithistoriker an entlegenen Orten und einem Hauptschulprojekt in St. Pantaleon Mitte der 80er Jahre waren die beiden NS-Reichsgaulager nicht nur aus dem öffentlichen dörflichen Bewußtsein, sondern auch aus dem des ganzen Landes komplett verschwunden. Immer noch hing (und hängt bis heute) das Portrait des damaligen NS-Bürgermeisters im Sitzungssaal der Gemeinde, eines Mannes, der nicht nur erheblichen Anteil daran hatte, daß Gauleiter Eigruber seine Parallelinfrastruktur zu Himmlers KZs ausgerechnet an der Peripherie Oberdonaus realisierte, der nicht nur persönlich finanziellen Profit aus dem unermeßlichen Leid vieler Hunderter zog (übrigens, indem er die eigene NSDAP sowie die Grundstückseigner des Lagergeländes betrog), der nicht nur zahllose Denunzierungen seiner Bürger mit erheblichen Folgen zum Beispiel gleich für zwei Ortspfarrer veranlaßte, für die er nach dem Krieg rechtskräftig verurteilt wurde, sondern der in seiner Eigenschaft als Standesbeamter auch die Totenscheine der Ermordeten und der durch die Lagerumstände anderweitig zu Tode Gekommenen ausfüllte, wobei er falsche Todesursachen unterschrieb, die er mutmaßlich selbst mitformuliert hat.

Während also dieser Herr unverdrossen von der Wand des Sitzungssaales auf die heutigen Gemeindevertreter blickt, blieben bis zur Jahrtausendwende die Namen der Toten unbekannt, die vielen absurden Gründe für eine Inhaftierung im Arbeitserziehungslager, das weitere Schicksal der schließlich mit Güterzügen abtransportierten Roma und Sinti und natürlich die Mitverantwortung des Dorfes konsequent ausgespart. Das offizielle Gemeindebuch von St. Pantaleon Ende der siebziger Jahre berichtet zwar ausführlich, daß Erzbischof Hiltibald von Köln am 18. Oktober 788 auf seinem Weg von Eggelsberg über Ibm, Franking, Haigermoos und Ernsting nach Ostermiething St. Pantaleon, damals – wenn überhaupt – Weng genannt, fast berührt hätte, erwähnt die dunklen Zeiten Mitte des 20. Jahrhunderts dafür jedoch mit keinem Wort, wenn man davon absieht, daß in einem Kapitel über die Mühlen in St. Pantaleon erläutert wird, „die Mitte der Dreißigerjahre einsetzende Entsumpfung des Ibmer Moores“ habe „den Mühlen die Kraftquelle genommen.“ Die Frage, wer diese Arbeit ab 1940 verrichtete, würde uns freilich schnell auf die richtige Spur bringen.

Die Tatsache, daß die Nachbargemeinde Haigermoos mit ihrem Weiler Weyer vor dem Krieg nach St. Pantaleon eingemeindet und bald nachher wieder ausgegliedert wurde, bot beiden Dörfern eine ideale Ausrede für das jeweils kollektive Verdrängen: Sagten die einen, sie seien gegen ihren Willen als Gebietskörperschaft aufgelöst und zum Zeitpunkt der Verbrechen vom größeren St. Pantaleon und seinem Nazi-Dorfestablishment beherrscht gewesen, meinten die anderen, Weyer liege, wie jede Landkarte beweise, in Haigermoos, St. Pantaleon habe mit den Lagern rein gar nichts zu tun.

Tausende Seiten über die Lager in St. Pantaleon-Weyer, so der offizielle Name, lagen indes in einem Dutzend österreichischer Archive. Ich habe sie, teils unter abenteuerlichen Umständen, zu Tage gefördert. Nie hatte ich die Absicht gehabt, ein literarisches Buch über die NS-Zeit zu schreiben, alles Wesentliche schien mir dazu in guten und gut gemeinten Romanen, Erzählungen und Gedichten geäußert.

Und nun saß ich vor einer Unmenge unglaublichen Materials, das ästhetisch bewältigt werden wollte. Zu bewältigen war aber auch das Wissen, im eigenen Wohnort, der mir Heimat zu werden versprach, damit wahrscheinlich auf Lebenszeit eine Zuordnung zu erfahren, die, wenn man den bisherigen Umgang mit der dörflichen Vergangenheit als Maßstab nahm, nicht viel Gutes versprach.

Der 2001 erschienene Roman „Herzfleischentartung“, das Resultat meiner Bemühungen, ist wesentlich viel weniger ein Roman über die NS-Zeit und die ersten zehn Jahre nach dem Krieg als einer über Erinnerungskultur, er ist viel weniger die Geschichte einiger positiver und negativer Protagonisten als die Geschichte struktureller Verflechtungen extremster Natur, die erst möglich machten, was bald wieder unaussprechlich schien. Die vielen handelnden Personen agieren zwar auch in Berlin und Wien, werden zwar auch in Svetlik und Steyr vermißt, sterben zwar auch in Lodz und Salzburg, im Mittelpunkt steht jedoch die minutiöse Beobachtung des Mikrokosmos einer kleinen Gemeinde am Rande des Innviertels während fünfzehn Jahren. In St. Pantaleon finden wir alles, was die große Welt draußen in jener Zeit vorrätig hatte: Terror im Lager, auf der Straße, bei der Flußregulierung der Moosach, kleine, aber bedeutende Akte des Widerstandes bzw. des bewußten Nichtmitmachens, ausgeprägten Opportunismus, Denunziation und Korruption, enthemmte Bauernknechte als SA-Schergen und wild gewordene Kleinbürger als Drahtzieher. Wir finden brutal ausgebeutete und wir finden anständig behandelte ukrainische oder französische Zwangsarbeiter auf den Höfen, größenwahnsinnige NS-Renommierprojekte, die auf die Zerstörung der letzten nennenswerten Moorgebiete abzielen, um 250 Großbauernhöfe zu schaffen. Wir finden nach dem Krieg wiedereingesetzte lokale NS-Größen, als Vizebürgermeister der SPÖ zum Beispiel, als einflußreiche Gemeinderäte der ÖVP, wobei der wirtschaftliche Einfluß brauner, später schwarzer Funktionäre ohnehin nie eine Zäsur erfahren hatte. Wir finden neugebaute, groß dimensionierte Anlagen für die gefallenen Söhne der Heimat, wir finden die Gräber der hier Ermordeten nicht und keine Tafel, auf der ihre Namen stehen, wir finden Beteuerungen, die Gequälten und Ermordeten werden an ihrem Schicksal schon selbst schuld gewesen sein, und Entrüstung über die ohnehin milden Strafen für schuldig gewordene Ortsbewohner. Wir finden vor allem die flächendeckende Entsorgung der jüngsten Vergangenheit.

Und das alles vor dem Hintergrund einer lieblichen, mit allen Vorzügen landschaftlicher Schönheit ausgestatteten Umgebung, vor dem Hintergrund der gewöhnlichen, alltäglichen Verrichtungen auf den Feldern, in den Handwerksbetrieben und den Schulen, vor dem Hintergrund der dörflichen Feste, der Feuerwehreinsätze, der Dorfkinovorstellungen und öffentlichen Mutterkreuzverleihungen, privaten Glücks und Leides.

Eine der ersten germanistischen Untersuchungen meines Buches stammt aus der Feder einer englischen Universitätsprofessorin, die ihren Aufsatz 2002 bei einem Kongreß in Canterbury vortrug und 2003 publizierte. Er hat den bezeichnenden Titel „The politicised pastoral idyll in Ludwig Laher’s ‘Heimatroman’ Herzfleischentartung“, also etwa „Die politisierte ländliche Idylle in Ludwig Lahers ‚Heimatroman’ Herzfleischentartung“.

Susan Tebbutt meint darin unter anderem: „Indem die Bedeutung der Landschaft im Roman herausgestellt wird, ist es möglich, die Raffiniertheiten des literarischen Stils und die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Feinheiten der Beziehung zwischen Heimat, Leser und Gegend zu erkennen. Der Gebrauch von Metaphern der Restrukturierung von Land und Nation, die Romantisierung der Landschaft, in der Folge als pseudo-utopische Heimat enthüllt, indem auf ironische Weise der Wald, der Fluß und die Weite des Landes nicht nur als topographische Merkmale auf einer tatsächlichen Landkarte, sondern auch als Elemente einer sozio-politischen Landkarte der Vergangenheit Verwendung finden, all das kulminiert im Brennpunkt des Erinnerns.“ Und sie gibt eine Reihe von Beispielen aus meinem Text wie jenes von dem einst sich in Mäandern durch das Feuchtgebiet windenden Flüßchen, dem riesige Granitblöcke an den regulierten Ufern jetzt deutlich machen: Fliehen ist zwecklos!

Die Autorin zitiert aber auch von mir verwendete Originaltexte aus NS-Publikationen, die auf das Verhältnis zwischen der Landschaft des Innviertels und den Segnungen des Regimes abstellen. So folgt in einer Passage mit Passionsgeschichten Inhaftierter auf meinen Satz „Aus dem ganzen Reichsgau Oberdonau also sind seit Monaten asoziale männliche Wesen (…) in dieses idyllisch gelegene Lager geströmt, um endlich eine ordentliche Erziehung zu genießen“ das Zitat „In Natur, Kultur und Menschentum eine Einheit darstellend, die immer nur durch reichsfeindliche politische Gewalten gestört werden konnte, erscheint das Land so recht eine Wiege für ganzheitliches Denken, Fühlen und Handeln.“ Dieses ganzheitliche Denken, Fühlen und Handeln wird von mir unter anderem an den sadistischen Foltermethoden an der Baustelle am Fluß und ihren perversen Begründungen exemplifiziert.

Ich beschreibe, wie ein Schwammerlsucher den Aufsehern zu nahe an die im Moor werkenden Häftlinge gerät und mit dem Erschießen bedroht wird, wie flußaufwärts von Dorfbewohnern Apfelschalen ins Wasser geworfen werden, weil sie den Ausgemergelten wenigstens so etwas Nahrung zukommen lassen wollen, wie der Berliner Reichsmoorberater in St. Pantaleon von mäßig mit Mineralboden überdecktem Moor als idealem dauerndem Ackerland nach einer Regulierung schwärmt.

Mit einem Wort: Tatsächlich habe ich, wie Susan Tebbutt zurecht vermutet, an verschiedenen Stellen meines Romans versucht, diese Wechselbeziehung zwischen vordergründiger Idylle und der materialisierten Barbarei Menschen und Landschaft gegenüber einzufangen. Wäre ich allerdings nicht selbst ein Bewohner dieser Gegend, hätte ich diesem Aspekt wahrscheinlich nicht so viel Bedeutung zugemessen. Denn ein wichtiger Beweggrund dafür war, daß nicht nur die Erinnerung zugeschüttet war, Lager und Baustelle quasi im Bewußtsein St. Pantaleons nicht mehr vorhanden waren, sondern auch ganz real draußen im Moosachtal nichts mehr darauf hindeutet, daß dort je einmal Mord und Totschlag regierten. Mehr noch: Meine ursprüngliche Entscheidung, in der Gegend der Oberinnviertler Moorseen leben zu wollen, gründete sogar wesentlich auf dem Reiz der archaischen Landschaft, auf einem intensiven Naturerlebnis, das mir bis heute Quelle künstlerischer Inspiration ist.

Ich mußte also selbst damit umgehen lernen, daß nicht nur die Erinnerung, sondern auch die Landschaft trügen kann, daß ich, der Schriftsteller auf dem Land, nicht nur in jenen zu Anfang am Beispiel Zuckmayers skizzierten sozialen dörflichen Zusammenhängen existiere, sondern auch in einem Spannungsverhältnis zur Landschaft, die mir, indem sie ja nicht selbst für ihren Mißbrauch verantwortlich zu machen ist, immer noch gleich lieb, aber nicht mehr unschuldig ist. Das Wort ‚unschuldig’ will ich dabei in jenem Sinne verstanden wissen, den der Satz „Er raubte ihr die Unschuld“ ausdrückt. Geraubte Unschuld meint im überholten traditionellen Verständnis, abgesehen vom konkreten Hymen, den Verlust einer emotionalen wie erfahrungsfreien Bewußtlosigkeit gegenüber den Verlockungen des sexuellen Trieblebens, herbeigeführt eben durch den ersten Sexualakt. Nicht umsonst meint im Mittelhochdeutschen die Phrase ‚sin wip erkennen’ mit ihr zum ersten Mal schlafen, also diesbezügliche Erkenntnis schaffen. In den Bibelübersetzungen hat man den Gläubigen übrigens bis weit ins 20. Jahrhundert folgende scheinbar unverständliche Antwort Mariens auf die Ankündigung Gabriels zugemutet, sie werde jetzt schwanger werden und die Mutter Gottes: ‚Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?’ Und die teuflische Erkenntnis, Maria habe schlicht ‚wo ich doch noch mit keinem Mann geschlafen habe’ gesagt, wird heute in modernen Bibeln durch den dummen Halbsatz ‚wo ich doch von keinem Mann weiß’ vernebelt.

Von wegen nichts wissen. Die Landschaft rund um St. Pantaleon wurde reichlich mit den ausgelebten Trieben sadistischer Aufseher, mit den Grenzerfahrungen Scheinertränkter, mit den auf Scheibtruhen weggekarrten Sterbenden konfrontiert, sie bleibt mir verwundet, sie bleibt mir wissend, wenngleich die meisten, die ihr begegnen, keine Ahnung davon haben wie ich, als ich mich in ihr niederließ. Und ich habe sie erkannt, bin also intim mit ihr geworden, mit allen Unwägbarkeiten, die dergleichen nach sich zieht.

Ich bin nicht aufs Land gezogen, um dort romantische Gefühle zu befriedigen, nach blauen Blumen zu suchen oder gar dem Paradies. Als Schriftsteller ist man viel unterwegs, und eine einladende Gegend, in der man, wenn man gestrickt ist wie ich, die Muße zur konzentrierten Arbeit leichter finden kann als in der hektischen Großstadt, gibt Kraft, führt auf das Wesentliche zurück, schärft die Klarheit des Gedankens. Verkehrsgeographisch günstig gelegen zwischen Salzburg und München, Drehscheiben für mich, um an meine Arbeitsstätten für je einen Abend zu gelangen, die verschiedenen Lesungsorte, aber auch zu den Rundfunkanstalten, den Bibliotheken und Archiven usw., bleibt mir St. Pantaleon trotz allem, was es war, ein Ruhepol, geeigneter Platz meiner Werk-Stätte.

Gelegentlich überlege ich mir sogar, ob es nicht – weit über den damit verbundenen Roman „Herzfleischentartung“ und seinen relativ großen Erfolg hinaus – für mein Verhältnis zum Ort sein Gutes hatte, in ihm, ohne das zu wissen, für meine Beheimatung etwas getan zu haben, indem ich mit seiner Geschichte in einen Dialog getreten bin, stellvertretend für all die anderen Plätze in meinem Leben, an deren keinem ich, die Kindheit eingerechnet, länger als neun Jahre verbracht habe. Abgründe hätten sich überall aufgetan.

Carl Zuckmayer spricht noch Jahrzehnte nach dem Krieg in seinem Erinnerungsbuch „Als wär’s ein Stück von mir“ davon, seine Henndorfer Jahre als das Paradies auf Erden erlebt zu haben. Umso schlimmer ist es, wenn du feststellen mußt, ein Teil der Leute, die du gut kennst, mit denen du nicht selten ein Glas geleert hast, führen sich ab einem gewissen Moment, der ihnen dies erlaubt, völlig enthemmt auf und schrecken vor nichts zurück. Zuckmayer, der sich gerade in Wien aufhält, entschließt sich gleich nach dem Anschluß im März 1938 zur Flucht in die Schweiz. „In Henndorf hatten sie bereits – wir wußten es noch nicht – unser Haus besetzt und den treuen Jung-Gendarmen Lackner, einen unentwegten Nazi-Gegener, der so oft bei uns am Abend die Zither gespielt hatte, halb totgeschlagen.“ Als nach 1945 plötzlich alles wieder in geordneten Bahnen ablief, wollte Zuckmayer wie so viele andere nicht mehr zurück. Überall tummelten sich dieselben Leute, die gerade noch die Sau rausgelassen hatten, und die anderen hatten immer noch Angst vor ihnen oder fanden gar gut, was sie gemacht hatten. Das ist in der Stadt nicht anders gewesen als auf dem Land, aber viel anonymer.

St. Pantaleon kann mir wenig vormachen, ich habe zu genau nachgeschaut. Wir haben uns ausgeredet, eine Vertrautheit geschaffen, die den Schrecken nicht ausspart. Darauf läßt sich aufbauen. Diese neue Vertrautheit läßt mich so manche Distanzierung als wohlbegründet und konsequent einordnen, hat aber andererseits Barrieren aufgehoben, die sich einer von Fremdheit gespeisten Unsicherheit verdankten.

Eine Erinnerungsstätte für die Lageropfer gibt es mittlerweile, die Gemeinde bekennt sich, ohne viel Aufhebens zu machen, zu ihrer Verantwortung. ‚Ohne viel Aufhebens’ heißt aber auch, daß es, grotesk genug, in zweieinhalb Jahren seit dem Erscheinen von „Herzfleischentartung“ keine Einladung des offiziellen St. Pantaleon an mich gab, in der Gemeinde aus dem Buch zu lesen, wie es überhaupt in zehn Jahren nie auch nur eine einzige Einladung gab, in der Gemeinde als wohl bekanntester dort lebender Künstler mit irgendeinem meiner Werke aufzutreten. Ich habe dafür bei fast hundert Auftritten in verschiedenen Ländern aus dem Roman über meine engere Lebensgegend gelesen, das in der Neuen Zürcher Zeitung genauso hymnisch besprochen wurde wie in der Frankfurter Allgemeinen oder in der Neuen Südtiroler Tageszeitung und im österreichischen STANDARD, das als Buch über die Provinz, nicht aber als provinzielles Buch vor kurzem unter dem Titel „Una enfermedad del corazón“ in Spanien herauskam und nächstes Jahr in Großbritannien erscheinen wird. „Herzfleischentartung“ hat allein im deutschsprachigen Raum immerhin schon drei Auflagen erlebt, mehrere literarische Auszeichnungen, darunter den österreichischen BUCH.PREIS 2001 und eben jetzt den oberösterreichischen Landeskulturpreis, erhalten, überraschend schnell ausführlichen Eingang in Überblickswerke wie in die Neuausgabe von Klaus Zeyringers „Österreichische Literatur seit 1945“ gefunden.

Ich habe aus dem Roman in St. Pantaleons unmittelbarer Nähe vor über hundert Leuten in Haigermoos im ehemaligen Lager gelesen, vor über achtzig in Eggelsberg, in zwei großen Braunauer Veranstaltungen vor mehr als zweihundert Besuchern und jetzt sogar in St. Georgen. In St. Pantaleon selbst lud einzig die Grüne Bildungswerkstatt Oberösterreich halböffentlich einmal zu einem Leseabend, zu dem hauptsächlich Menschen aus anderen Teilen des Landes kamen.

Für mein Selbstwertgefühl als Autor ist die Wahrnehmung in St. Pantaleon ohne Belang, auch unterscheide ich sehr genau zwischen den Menschen, von denen viele dieses oder andere Bücher von mir gelesen haben, und dem offiziellen St. Pantaleon. Schließlich stelle ich auch den Umstand in Rechnung, daß ich mich lokalpolitisch in einer überparteilichen Liste engagierter BürgerInnen betätige und das nicht von allen im Gemeindeestablishment goutiert wird. Dennoch wäre es mir prinzipiell natürlich angenehm, zuhause nicht erst – wie in vergleichbaren Fällen vielfach belegt – nach meinem Tod offiziell wahrgenommen und, ohne noch widersprechen zu können, für welche Zwecke immer eingespannt zu werden.

Es gibt eine Reihe von SchriftstellerInnen, die von früher Jugend an subjektiv erfahrene, meist wohl auch objektiv erfolgte persönliche Demütigungen, Kränkungen, Zurückweisungen, die zum Teil aus der Enge, Engstirnigkeit, Intoleranz dörflicher Strukturen resultieren, in ihrem Werk ausführlich thematisieren. Die notwendig damit verbundenen Zuspitzungen, emotionell gefärbten Anklagen, der Zorn und der Aufschrei solcher Texte von Franz Innerhofer bis Josef Winkler lassen einen zumindest nachvollziehen, warum die darin porträtierten Gemeinden sich schwer tun, diese AutorInnen trotzdem als Teil dieser Welt anzunehmen und ihre Leistungen auf einer anderen Ebene zu schätzen.

Ich glaube, weit weniger als mit mir als Person, der ich ja keine persönlichen Rechnungen mit St. Pantaleon offen hatte, die mich zu bitteren, gar zu ungerechten Texten genötigt hätten, hat die weitgehende Gleichgültigkeit der Gemeinde gegenüber meinem Werk mit einer allgemeinen Gleichgültigkeit am Ort gegenüber jeder Form von künstlerischer Betätigung zu tun, die nicht traditionell volkskulturell geprägt ist und nicht auf Amateurbasis ausgeübt wird. Iregndwelche Initiativen des Kulturausschusses der Gemeinde, ein Kunstbudget jenseits der Unterstützung des Laientheaters etc. zu installieren, sind mir nicht bekannt.

Ich äußere mich zu so einer Offenbarung größtmöglicher Wurstigkeit St. Pantaleons gegenüber dem von mir behaupteten Lebensmittel Kunst gewöhnlich nicht öffentlich, würde jede Erwähnung in diese Richtung doch als pro domo-Einspruch abgetan werden, als ob ich es auf ein Denkmal im Dorf abgesehen hätte. Im Zusammenhang von Überlegungen über Land-Schriftsteller aber hat eine diesbezügliche Anmerkung ihren Platz, denn anders als in der Stadt, wo die Marginalisierung von Kunst und Kultur nicht so auffällt, weil für entsprechende Angebote gesorgt ist, fällt deren völliges Fehlen am Land sofort ins Auge.

Vielleicht ist eine 3000-Seelen-Gemeinde in dieser Hinsicht auch schlicht überfordert. Eine effektive Auseinandersetzung mit Kunst wäre eigentlich eine lohnende Aufgabe für Regionen, zum Beispiel von der Größe des Oberinnviertels. Das Land Oberösterreich unterstützt seit Jahren gezielt regionale Kulturarbeit; wer aber weiß, wie schwer es den Landgemeinden fällt, selbst in so offensichtlichen Bereichen wie dem Öffentlichen Verkehr an einem Strang zu ziehen, darf sich auch davon nicht zuviel erhoffen.

Es ist Zeit, zum Schluß zu kommen, denn ich bin nicht eingeladen worden, mir allgemeine kulturpolitische Erwägungen zu leisten, sondern darüber nachzudenken, wie es mir, einem halbwegs bekannten hauptberuflichen Schriftsteller, der sich entschlossen hat, in ländlicher Umgebung zu arbeiten, dort so geht.

Bevor ich Ihnen im zweiten Teil des Abends einen längeren Ausschnitt aus jenem hier in der Gegend spielenden Roman vorlese, von dem jetzt schon einigermaßen ausführlich die Rede war, hören Sie noch ein kurzes Gedicht aus meinem letzten Lyrikband, das im Anschluß an einen abendlichen Spaziergang am Ufer des Höllerer Sees in St. Pantaleon entstand, wie ich ihn häufig zu unternehmen pflege.

Der kurze Text handelt von einer höchst persönlichen Begegnung zwischen einem Landschaftsdetail und mir. Beide Seiten halten nichts davon, sich wechselseitig anzubiedern. Aber sie haben miteinander zu tun. So möchte ich mein Verhältnis zu dem Ort verstanden wissen, in dem ich lebe.

feuerstunde, S.55


Dorfzeitung


Ludwig Laher | Foto: 2017 Karl Traintinger, Dorfbild.com

Ludwig Laher: Herzfleischentartung

Buchtitel: Herzfleischentartung
Autor: Ludwig Laher
Verlag: Haymon Verlag Innsbruck
Erschienen: 2001

Klapptext der Erstausgabe

Im Jahr 1940 errichtete die SA im Innviertler Dorf St. Pantaleon ein “Arbeitserziehungslager” und nach dessen überhasteter Schließung ein “Zigeuneranhaltelager”. Hunderte willkürlich Inhaftierte werden dort gequält, etliche umgebracht.

Lagerarzt ist der dazu genötigte Gemeindedoktor. Lange Zeit konstatiert er irgendwelche harmlose Todesursachen (die “Herzfleischentartung” bei einer Zigeunerin ist allerdings nicht seine Erfindung. Eines Tages aber schaltet er die Staatsanwaltschaft ein.

Die Aktenbestände der damit ausgelösten Untersuchung – den Prozeß hat schließlich der Führer höchstpersönlich niedergeschlagen – sind erhalten.

Sie waren die Grundlage seiner literarischen Arbeit, die sich im Ton zum Teil in beklemmender Weise der Sprache und Logik der Mörder bedient, gleichzeitig aber einen kollektiven Erzähler einführt und diesen das Unerhörte einmal vom zeitgenössischen Standpunkt, dann wieder vom heutigen aus begleiten läßt.

Laher verfolgt die Täter auch in das 1945 wieder erstandene Österreich, rollt die späteren Verfahren auf: Die Richter sind milde.

Gebundene Ausgabe 2001

Der mitten ins Geschehen geholte Leser erlebt, was passieren konnte, wenn ein Lagerarzt Anzeige gegen NS-Schergen erstattete, er wird auch Zeuge, wie schnell der Einbruch bestialischer Zustände in den Alltag der österreichischen Provinz zur Normalität wird, wie schnell aber auch alles nicht mehr gewesen sein soll in der berühmten Stunde Null.

Ludwig Laher
1955 in Linz geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philosophie in Salzburg. Dr. phil., lebt in St. Pantaleon in Oberösterreich.

Er schreibt Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen: dazu kommen wisschenschaftliche Arbeiten.

Laher in der Dorfzeitung >

Dr. Karl Traintinger

Rezension von Karl Traintinger

Die Gefangenen des 1940 in der Gemeinde St. Pantaleon errichteten “Arbeitserziehungslagers” haben unter menschenunwürdigen Bedingungen die Moosach reguliert und mit Steinplatten ausgelegt. Von den Insassen des “Zigeuner-Aanhaltelagers”, das das “Arbeitserziehungslager” ablöste, wurde nicht mehr so viel “weitergebracht”. Den Krieg überlebt hat von den Zigeunern, die in dem “Anhaltelager” interniert waren, keiner.

Ich habe mit einigen alten Bauern aus der Gegend gesprochen, gewusst haben sie alle, was “unten in der Moosach” los war. Ab und zu hat man auch Schreie gehört … nur hätte man etwas gesagt, wer weiß schon, was dann passiert wäre …

Heute erinnert nur mehr eine Gedenkstätte an die Greueltaten. Das Buch von Ludwig Laher ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung gar nicht so alter Geschichte, es sollte in keiner (Gemeinde) Bibliothek fehlen.

Anbei noch einige Fotos (KTraintinger) vom Originalschauplatz sowie von der Denkstätte:

Die Moosach
Idyllisch schlängelt sich die Moosach durch die Landschaft.

Die Moosach

Die Moosach
Das Bachbett wurde mit Steinen ausgelegt.

Die Moosach
Die Denkstätte an der Moosach in St. Pantaleon.

Die Moosach
“Gebundene” – Plastik von Dieter Schmidt

Die Moosach

Weblinks:
Arbeitserziehungslager Weyer >
Im Schatten der Mozartkugel >


Gebundene von Dieter Schmidt | Foto: Karl Traintinger

“Gebundene” – Plastik von Dieter Schmidt

Erinnerungsstätte Lager Weyer / St. Pantaleon, Innviertel, OÖ

Diesmal habe ich eine Skulptur mit einem aktuellen geschichtlichen Hintergrund (vor 80 Jahren begann der 2. Weltkrieg) ausgewählt. Knapp vor der Moosachbrücke in St. Pantaleon befindet sich ein Denkmal zur Erinnerung an die hier stattgefundenen Gräueltaten zur NS-Zeit.

Karl Traintinger

Von Karl Traintinger

Das unaufdringliche und dennoch sehr beeindruckende Denkmal lädt den Besucher zum Innehalten und Nachdenken ein. Im Gemeindeamt von St. Pantaleon ist eine kostenlose Broschüre mit geschichtlichen Erläuterungen rund um die Erinnerungsstätte vorrätig.

Ich habe Ludwig Laher >, den in St. Pantaleon lebenden Schriftsteller und sehr guten Kenner der Lagergeschichte (Herzfleischentartung >) von Weyer gefragt, wie es zur Errichtung dieser Erinnerungsstätte gekommen ist. Hier seine Antwort:

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Es gab zur Jahrtausendwende eine regionale Ausschreibung für einen Wettbewerb, das Denkmal betreffend. Eine Jury wählte den Entwurf des bayerischen Bildhauers Dieter Schmidt, der damals in Fridolfing lebte und arbeitete und später in den Bayerischen Wald übersiedelte. Die anderen Einreichungen wiesen allesamt einen allzu hohen Grad an Abstraktion auf. Begründet wurde die Wahl Dieter Schmidts mit der Zugänglichkeit seines Werkes, das stilisiert, aber nicht abstrakt, menschliche Gestalten zeigt, die als „Gebundene“ (so nennt Schmidt sein Kunstwerk) dem Betrachter den Rücken zukehren, also nur noch innerhalb des (Stachel-)Drahtes existieren, von der Welt isoliert. Man kann das Werk umkreisen und hat von überall unterschiedliche Blickwinkel auf einzelne Gesichter. Die Untersicht (das Auge muss nach oben blicken) gibt den Dargestellten eine Würde, die sie gleichzeitig der Schwere ihres Leids ein wenig enthebt.

Die Gestaltung lehnt sich überdies an die österreichische Marterlkultur (von Martyrium) an, die am Land besten bekannt ist. Die Bronzeplastik ruht auf einer Mühlviertler Granitsäule (Assoziation zu Mauthausen). Auf hervorragende Weise kontrastiert das bescheidene Denkmal auch größenmäßig, vor allem aber was die Behandlung der menschlichen Gestalt anlangt, mit dem martialischen Kriegerdenkmal bei der Kirche von St. Pantaleon. Dieter Schmidts Werk für die Erinnerungsstätte hat in den vergangenen 19 Jahren verbreitet große Anerkennung gefunden. Finanziert wurde es übrigens zu gleichen Teilen von der Gemeinde St. Pantaleon und dem Land Oberösterreich (die NS-Lager Weyer waren Reichsgaulager von Oberdonau, nicht exterritoriale KZ).

Die Erinnerungsstätte ist mittlerweile selbstverständlicher Teil der Ortsgeschichte. War sie am Anfang durchaus umstritten, so gilt sie mittlerweile als Wahrzeichen von St. Pantaleon. Der offizielle Ortsplan zeigt unter ‚Sehenswürdigkeiten‘ zuerst das Schmidt-Denkmal und dann erst die Pfarrkirche, die Prospekte der Urlaubsregion Oberes Innviertel / Seelentium bewerben St. Pantaleon zentral mit dem abgebildeten Denkmal Dieter Schmidts. Der Pfarrer setzt sich mit den Firmlingen auf die Steinbänke rund um das Denkmal und erläutert, was damals passierte. Immer wieder werden Grablichter an der Erinnerungsstätte angezündet. Zu Beschädigungen der Anlage ist es Gott sei Dank bisher nie gekommen.

Die Erinnerungsstätte in der Dorfzeitung >
Verein Erinnerungsstätte >
Dorfbild – Download Fotos Weyer >


Jennifer Teege & Nikola Sellmair: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen.

Jennifer Teege & Nikola Sellmair: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen.

Jennifer Teege & Nikola Sellmair: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen.

Autor(en): Jennifer Teege & Nikola Sellmair
Titel: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen.
ISBN: E- Book: 978-3-644-02821-0
ISBN: Printausgabe: 978-3-498-06493-8
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH
Erschienen: September 2013

Klappentext:

Es ist ein Schock, der ihr ganzes Selbstverständnis erschüttert: Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer sie ist. In einer Bibliothek findet sie ein Buch über ihre Mutter und ihren Großvater Amon Göth. Millionen Menschen kennen Göths Geschichte.

In Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» ist der brutale KZ-Kommandant der Saufkumpan und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. Göth war verantwortlich für den Tod Tausender Menschen und wurde 1946 gehängt. Seine Lebensgefährtin Ruth Irene, Jennifer Teeges geliebte Großmutter, begeht 1983 Selbstmord.

Jennifer Teege ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Sie wurde bei Adoptiveltern groß und hat danach in Israel studiert. Jetzt ist sie mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, das sie nicht mehr ruhen lässt. Wie kann sie ihren jüdischen Freunden noch unter die Augen treten? Und was soll sie ihren eigenen Kindern erzählen? Jennifer Teege beschäftigt sich intensiv mit der Vergangenheit. Sie trifft ihre Mutter wieder, die sie viele Jahre nicht gesehen hat.

Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchiert sie ihre Familiengeschichte, sucht die Orte der Vergangenheit noch einmal auf, reist nach Israel und nach Polen. Schritt für Schritt wird aus dem Schock über die Abgründe der eigenen Familie die Geschichte einer Befreiung.

Anna Lemberger

Rezension von Anni Lemberger

Wer Literatur über den Holocaust liest, kommt an Amon Göth nicht vorbei. Er erhielt seine gerechte Strafe, indem er 1946 hingerichtet wurde.

Wie aber ging es weiter? Mit seiner Lebensgefährtin Irene, Ruth Göth, seiner Tochter Monika Göth („ich muss meinen Vater doch lieben, oder?“) und seiner älteren Enkelin Jennifer Teege?

Als Jennifer Teege erfährt, dass ihr Großvater ein grauenvoller Sadist war, hatte sie bereits 4 Jahre in Israel studiert, ihre besten Freunde waren Juden. Sie fiel erneut in eine schwere Depression und zog sich vor ihren Freunden zurück.

Denn: Was, wenn gerade ihre besten Freunde die Enkel von Opfern ihres Großvaters sind?

Ihre Recherchen dienen gleichzeitig ihrer „Gesundung“ und überwindet den Schock, von ihrer Mutter im gefundenen Buch nicht einmal erwähnt zu werden.

Mich führte das Verschweigen dieser Enkelin von Göth zu dem Buch von Jennifer Teege, weil ich meine Lücke in Monika Göth´s Biografie schließen wollte.

Nichts von den Verbrechen wird beschönigt, die geliebte Großmutter dorthin gestellt, wo sie hingehört: Sie war nicht nur Mitläuferin, sondern hat den Täter als „ihren König“ gehuldigt – und trotzdem verzichtet Jennifer nicht auf die positiven Gefühle, die sie in Zusammenhang mit der „Oma Irene Ruth“ hat.

Ein ehrlich aufklärendes, aber nie anklagendes Buch aus der Sicht der dritten Generation des Holocaust. Sie sind nicht Schuld an dem, was passiert ist, wohl aber verpflichtet durch die Aufarbeitung eine Wiederholung zu verhindern.

Das 3. Reich in der Dorfzeitung

Camp Herzl – vergessene Salzburger Stadtgeschichte >
Ludwig Laher: Wo nur die Wiege stand >
Ludwig Laher: Herzfleischentartung >
Ludwig Laher: Erinnerungsstätte Lager Weyer >
Andreas Maislinger: Arbeitserziehungslager und Zigeuneranhaltelager Weyer (Innviertel) >
Lisa Gadenstätter/ Elisabeth Gollackner: Schluss mit Schuld >
Matthias Kessler: „Ich muss meinen Vater doch lieben, oder? >
Böhm >


Festgebunden

Matthias Kessler: „Ich muss meinen Vater doch lieben, oder?

Autor: Mathias Kessler
Titel: „Ich muss meinen Vater doch lieben, oder?“ – Die Lebensgeschichte von Monika Göth. Tochter des KZ Kommandanten aus „Schindlers Liste“.
ISBN: 978-3-8387-5725-4
Verlag: Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG
Erschienen: 2014

Klappentext:

Amon Göth wurde bekannt als Symbol unmenschlicher Grausamkeit in Steven Spielbergs Film “Schindlers Liste”.

Er war ein Massenmörder, 500 Juden soll er eigenhändig erschossen haben. 1946 wurde der “König von Plaszow” zum Tode verurteilt und gehängt.

Monika Göth wurde 1945 von der Geliebten Amon Göths, genannt Majola, zur Welt gebracht.

Wie stellen wir uns das Böse vor? Immer falsch.

Thomas Müller, Polizeipsychologe, Wien

Als Teenager beginnt sie Fragen zu stellen, aber erst Anfang der 80er Jahre, als ihre Mutter dem englischen Fernsehen ein Interview gibt, bestätigen sich Monikas Ahnungen. Die Mutter vergiftet sich mit Schlaftabletten.

Sie müssen über einen Menschen urteilen, der schon zu Lebzeiten zu einer Legende geworden ist, (…..) als eine moderne Inkarnation des biblischen Satans.

Aus dem „Prozess gegen den Völkermörder Amon Göth“ Krakau, 1946, aus dem Pädoyer des Staatsanwaltes.

In einem Interview-Experiment, das von Matthias Kessler für die Buchausgabe bearbeitet und mit bislang unveröffentlichtem Archivmaterial ergänzt wurde, stellt Monika Göth sich erstmals der Öffentlichkeit. Schonungslos sich selbst gegenüber erzählt sie ihre Geschichte.

Anni Lemberger

Rezension von Anni Lemberger

Das, als Experiment bezeichnete, Interview des Autors mit der Tochter von Amon Göth, hat so gar nichts von einem „interviewmäßigen“ Aufbau. Im Sinne einer 48-stündigen Quarantäne in einem Hotel in Bayern, begegnen sich der Autor und Monika Göth in einer emotional sehr intimen Situation, die in einem großartigen „win-win“ Ergebnis endet.

Eine Tochter, die ihren Vater nicht mehr persönlich
kennen gelernt hat und sich nur von den Erzählungen anderer ein Bild ihres
Vaters machen konnte, kommt auf die Spuren des Bösen. Während die Opfer von
Amon Göth schwiegen, redete ihre Mutter (die offensichtlich in das Böse
verliebt war) die monströsen Taten schön.

In diesen beiden Tagen erfährt Monika, wer ihr Vater
wirklich war und kann ihn endlich loslassen, weil sie versteht, dass das
Todesurteil gerechtfertigt war.

Ein Buch, das fasziniert und erschüttert, ein Buch das
aufklärt und die Verdrängungsmechanismen der Mitläufer darstellt. Gut lesbar
und spannend und doch so geschrieben, dass es zum Hinschauen auffordert und
nicht zum Verdrängen, ob der vielen Grausamkeiten.

Erweitert wurde die Neuauflage mit einem Nachwort von Monika Göth.

Weiterführende Info zum Thema

„Camp Herzl“ – vergessene Salzburger Stadtgeschichte >
Ludwig Laher: Wo nur die Wiege stand >
Lisa Gadenstätter/ Elisabeth Gollackner: Schluss mit Schuld >
Böhm >


Autorenübersicht

Liste von jenen Autoren, die mindestens einmal in der Dorfzeitung publiziert haben.

Autorenübersicht

Annelore Achatz, Bio, Lamprechtshausen Salzburg
Paul Arzt Bürmoos Salzburg
Karl Bauer Gleisdorf Steiermark
Wolfgang Bauer – Bürmoos Salzburg
Ana Bilandzija Salzburg
Annabell Brand Salzburg
Wolfgang Ecker Oberndorf
Michaela Essler Bürmoos Salzburg
Walter Hansy Gänserndorf Niederösterreich
Leo Fellinger Seekirchen Salzburg
Tomas Friedmann Salzburg
Alois Fuchs, Bio, Bürmoos Salzburg
Nina Groß Moosdorf Wien – Literaturhaus Salzburg
Hans-Peter Graß Friedensbüro Salzburg
Michaela Gründler – Salzburg
Ulrike Guggenberger Oberndorf Salzburg
Helmut Guggenberger Oberndorf Salzburg
Hilda Hammertinger Anthering Salzburg
Cordula Hofmann-Molis Kirchanschöring
Michael Honzak Honzi Seekirchen am Wallersee Salzburg
Karl Jocha Budapest
Helmut Junger Berlin
Daniel Krainer Bürmoos Salzburg
Ingrid Kreiter Südtirol Salzburg
Reinhard Lackinger Salvador Brasilien
Ludwig Laher St. Pantaleon Oberösterreich
Martina Lang Salzburg
Anna Lemberger Moosdorf Oberösterreich
Ulli Mairinger Bürmoos
Karl G. Mayr Taxham Salzburg
Andreas Maislinger Universität Innsbruck
Gerhard Michalek Nußdorf am Haunsberg Salzburg
Astrid Müller, Bio, Salzburg
Bernhard Müller Lamprechtshausen Salzburg
Heide-Maria Müller Salzburg
Walter Müller Salzburg
Peter Neumaier Koppl Salzburg
Elisabeth Pichler Hallwang Salzburg
Robert Pienz Schauspielhaus Salzburg
Chris Ploier Thalgau Salzburg
Christiane Pott-Schlager Lamprechtshausen Salzburg
Andrea Nührig-Reiser Salzburg 
Astrid Rössler – Salzburg
Rebecca Schönleitner Bürmoos
Christina Schatzl-Gruber Salzburg
Alois Schöpf Lans Tirol
Christina Schröder Südwind Wien
Maria M. Schweiger Salzburg
Walter Schweinöster Lofer Salzburg
Christine Schweinöster Lofer Salzburg
Thomas Selinger Seli Big T. Bürmoos Salzburg
Manfred Siebinger, Bio, Salzburg
Gerlinde Starck – Laufen Obb.
Michael Steinberger Nußdorf
Siegfried Steinkogler – Oberndorf Salzburg
Matthias Traintinger – Graz Steiermark
Karl Traintinger – Lamprechtshausen Salzburg
Stephan Traintinger Wien 
Gidon Wagner München
Kurt Winkler Bürmoos Salzburg
Monika Wolfgruber Berndorf Salzburg
Irina Zelewitz Salzburg